Mehr als eine Schule: Die L’Ecole de Choix in Haiti

Eine Mitarbeiterin von BCD Travel beschreibt ihren unvergesslichen Aufenthalt an der L’Ecole de Choix, einer besonderen Schule in Haiti, an der die Führungskräfte von morgen ausgebildet werden.

Von Antje Gasster

„Kann ich mal deinen Bleistift haben?“ Ich fülle gerade die Einreisepapiere für Haiti aus, als ich mit Jason, meinem Sitznachbarn auf diesem dreieinhalbstündigen Flug von Atlanta nach Port au Prince, ins Gespräch komme.

Jason ist für das Projekt „Hope“ unterwegs, um den Menschen in Haiti medizinische Hilfe zu leisten. „Ich bin hier, um Zähne zu ziehen. Und du?“, fragt Jason. Ich erzähle von den neun BCD Kollegen, die wie ich als Botschafter die L’Ecole de Choix in Mirebalais besuchen, um dort Gebäude zu streichen und Eindrücke für unsere Kollegen zuhause zu sammeln.

Das Haiti-Projekt von BCD Travel unterstützt die L’Ecole de Choix. Letztes Jahr haben Mitarbeiter in aller Welt 50.000 US Dollar für die Schule gesammelt und damit zu einem großen Ziel beigetragen: Die BCD Travel Foundation plant, den laufenden Betrieb der Schule innerhalb von fünf Jahren mit einen Gesamtbetrag von 750.000 US Dollar zu fördern.

Wir sind fast da und Jason macht sich netterweise schmal, damit ich über ihn hinweg einen ersten Blick durch’s Fenster riskieren kann. Ich sehe braune Berge, Wasser und einen strahlend blauen Himmel. Haiti heißt so viel wie „Land der hohen Berge“. Es ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, wurde von vielen schweren Naturkatastrophen heimgesucht, hat unter korrupten Regierungen gelitten und spürt noch immer die Folgen seines kolonialen Erbes.

Fortschritt mitten im Elend

Wir landen und rollen an einem längst vergessenen, von Efeu überwucherten Flugzeug vorbei. Irgendwo in der Nähe brennt es – eine dicke schwarze Rauchsäule windet sich mehrere Meter in die Höhe. Ich treffe die anderen an der Treppe und als wir aus dem Flugzeug steigen, nimmt uns die feuchte, tropische Luft den Atem.

In der Ankunftshalle drängen sich die Leute. Laura, Executive Director der L´Ecole de Choix, wartet bereits auf uns. In vier Toyotas – alles Vierradantriebe – verlassen wir das Flughafengelände. Ich sehe Menschen, die alles von gebrauchten Caterpillar-Boots bis zu Vodou-Masken verkaufen, auf chromblitzenden Motorrädern die tiefen Krater in den Straßen umfahren oder im Müll nach etwas Verwertbarem suchen, Seite an Seite mit ausgehungerten Straßenhunden.

Wir merken nicht, dass wir Port-au-Prince verlassen. Die Besiedelung ist im Umland genauso dicht wie in der Hauptstadt. Am Ende der Fahrt fragt mich mein Fahrer: „Nicht so schlimm, oder?“ Er meint die Zustände und ich bin zuerst sprachlos. Angesichts der Herausforderungen, denen Haiti gegenüber steht und der Fortschritte, die das Land bereits gemacht hat, stimme ich ihm schließlich zu.

Die Schule eine Oase

6 Uhr morgens und Haiti ist wach. Wir sitzen wieder in unseren Toyotas und fahren durch belebte Straßen, in denen sich die Tap-Taps drängen – buntbemalte Taxis, die in einigen Fällen ihre Fahrgäste sogar auf dem Dach mitführen.

Nach einer Stunde erreichen wir Mont Kabwit. Es bedeutet „Ziegenberg“, da es hier so viele Ziegenherden gibt. Wir sehen kaum Bäume. Haiti ist abgeholzt und Aufforstungsprojekte stecken noch in den Anfängen. Unsere Fenster sind schnell mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Während der gesamten Fahrt halten wir kein einziges Mal an. In weniger als zwei Stunden erreicht unser Konvoi endlich Mirebalais und die L`Ecole de Choix.

Wir fahren durch das bewachte Schultor, und plötzlich tut sich eine Oase vor uns auf: Hier wachsen Palmen, Bananenstauden und Büsche weißer und rosafarbener Bougainvilleen. Mitarbeiter der Schule begrüßen uns mit herzlich lachenden Gesichtern. Die Schulversammlung hat bereits begonnen, und so stellen wir nur unser Gepäck schnell ab. Ca. 180 Schüler im Alter von sechs bis sechzehn stehen aufgereiht in der Schulkantine, einem großen schattenspendenden, halboffenen Raum. Sie lauschen andächtig der Schulkrankenschwester, die über Diphterie aufklärt und ausführt, wie wichtig Hygiene ist.

„Hände immer mit Seife und Wasser waschen“, erklärt sie. Die Schüler sind solange konzentriert, bis sie uns bemerken. Kinder und BCD Travel Botschafter bestaunen sich gegenseitig. Die Schüler tragen Shorts und dazu Polo-Shirts in blau, grün, rot oder gelb. Wir sind weit weniger farbenfroh und riechen verdächtig nach Moskitospray.

Laura erklärt, dass jedes Kind zwei Polo-Shirts pro Jahr bekommt.  Sie dürfen sich die Farben selbst aussuchen. Das Bildungsministerium ist nicht begeistert, dass es keine einheitlichen Uniformen gibt. Übrigens nur eines der vielen Dinge, die hier anders gemacht werden als im Rest des Landes. So ist die L´Ecole die Choix auch eine der wenigen nichtreligiösen Schulen Haitis.

Mittagessen als Anreiz

„Welcome to our friends from BCD“, stellt Laura uns vor. „Unsere Freunde werden die Schule schöner machen und zum Erhalt der Gebäude beitragen.“ Wir winken. Einige winken zurück. Vor allem die Jüngsten geben schnell ihre Schüchternheit auf. Nach der Versammlung beginnt der Unterricht und für uns das Streichen von Fenstern, Türen und Zäunen. Immer wieder, in den Pausen, gesellen sich Kinder zu uns. Sie lachen, wenn wir mit Farbe kleckern, und unsere Herzen gehen auf.

Um 11.30 Uhr können wir kaum glauben, dass wir erst wenige Stunden hier sind. Es gibt Mittagessen: Hühnchen mit Reis und Roter Beete und dazu gekühlte Limonade. Die Kinder essen in Schichten, zuerst die Jüngsten, dann die Älteren. Alle Schüler erhalten zwei Mahlzeiten am Tag – ein Anreiz für Eltern, ihre Kinder täglich in die Schule zu schicken.

Trotz der Hitze ist inzwischen auch das Basketballfeld bevölkert, das von BCD Travel und Park ‚N Fly (Unternehmen der BCD Group) gesponsert wurde. Unter der ebenfalls von BCD und Park ‚N Fly gesponserten Pergola sitzen Kinder im Schatten, andere schwingen Hula Hoop-Reifen oder spielen Fußball. „Spielen ist wichtig”, sagt Laura, „zum Ausgleich für das viele Sitzen im Klassenzimmer. Aber es ist auch ein wesentlicher Bestandteil unseres Bildungskonzeptes, denn es lehrt partnerschaftliche Zusammenarbeit und Teamarbeit und bereitet so auf Führung vor.“

Durstige Kinder bedienen sich an den großen Wasserbehältern. Wasser ist in Haiti so kostbar, dass Eltern häufig Kanister zum Auffüllen mitbringen, wenn sie ihre Kinder am Nachmittag abholen. Andere Haitianer müssen Trinkwasser kaufen oder sich an potenziell kontaminierten natürlichen Wasserquellen bedienen. Viele Menschen haben nicht einmal das Geld für Reinigungstabletten, um zum Beispiel das Wasser aus dem Fluss trinkbar zu machen. Seit dem Hurricane im Oktober 2016 hat sich Cholera erneut ausgebreitet. Der Hurricane hat auch die Ernte der Gemüsebauern zerstört, weshalb jetzt noch mehr Haitianer auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.

Eine Glocke wird angeschlagen und die Pause ist vorbei. Auch für uns. Während wir weiter Türen und Fenster streichen, lauschen wir dem Unterricht. Manchmal rezitieren die Kinder Texte oder sie singen. Wir sind so leise wie möglich und saugen alles auf.

Bildung für Jungen und Mädchen

An der L’Ecole de Choix ist das Verhältnis von Jungs und Mädchen ausgewogen. Verschiedene Mechanismen tragen dazu bei, unter anderem die Möglichkeit, die vom Ministerium verlangten Schulgebühren in Raten, verteilt über ein ganzes Jahr, zu bezahlen. Müssten sie alles auf einmal zahlen, würden viele Familien nur Söhne zur Schule schicken.

Um 15 Uhr ist der Schultag beendet. Kinder, die in der Nähe wohnen, gehen zu Fuß nach Hause, andere steigen in den Schulbus, der sie an verschiedenen Haltestellen in Mirebalais absetzt. Derselbe Schulbus fährt uns später ins Hotel. Wir essen zu Abend und sind um 19.30 Uhr völlig erschöpft. Es fühlt sich an wie 2 Uhr nachts. Die Tage sind lang in Haiti.

Am nächsten Morgen sind wir wieder in der Schule, um unsere Streicharbeiten fertigzustellen. Wir essen traditionellen Ziegenfleischeintopf und interviewen die Lehrer. Ein Grundschullehrer erklärt, dass er und seine Kollegen regelmäßig an Workshops teilnehmen, um sich fortzubilden. Auch das ist eine Besonderheit der L’Ecole de Choix.

Noch einmal bevölkert sich das Basketballfeld am Nachmittag. Dieses Mal spielen die Botschafter mit. Es ist ein großer Spaß für alle. Wir fotografieren heute mehr als gestern, denn die letzten Stunden auf dem Campus sind angebrochen und Erinnerungen wollen festgehalten werden.

Abschied fällt schwer

Am nächsten Morgen nehmen wir nur noch an der Versammlung teil, verabschieden uns von den Kindern, und dann geht es auch schon zurück, über die Berge nach Port-au-Prince. Wir machen einen Abstecher zu den Werkstätten von Papillon Enterprise – wo wunderschöne Armbänder aus recycelten Müslipackungen hergestellt werden. BCD verkauft diese Armbänder, um Geld für die L’Ecole de Choix zu sammeln.

Vier Tage, die sich anfühlten wie vier Wochen, sind vorbei, als wir den Heimweg antreten. Wir verlassen Haiti mit der Gewissheit, an etwas Großartigem, Wichtigen beteiligt zu sein.

Antje Gasster

Antje Gasster ist Director EMEA Media & Events bei BCD Travel in Bremen. Auf bcdhaiti.com sehen Sie ein Video über die L’Ecole de Choix und erfahren mehr über BCD Travel’s Engagement für die Kinder in Haiti. Dieses Projekt bietet sozial benachteiligten Kindern die Gelegenheit, Haitis zukünftige Führungskräfte zu werden.